Offener Brief an Bundesregierung: Arbeitnehmer wollen Lufthansa Tourismus-Tochter Ocean verhindern

Erste Offiziere und Piloten werden bei Ocean zu deutlich niedrigeren Gehältern als bei Lufthansa selbst angestellt. Foto: Lufthansa

Die Lufthansa Konzern-Spitze hatte Angst, dass Staatshilfen zu Eingriffen durch die Bundesregierung führen. Arbeitnehmervertretungen der Lufthansa, sowie anderer deutschen Fluggesellschaften fordern nun genau dies. Hintergrund ist die Neugründung des Lufthansa Tourismus-Ablegers Ocean. Die Mitarbeitervertretungen von Lufthansa, Tuifly und Condor befürchten Tarifflucht auf Kosten des Steuerzahlers. Sie wendeten sich mit einem Brief an die Bundesregierung.

Bereits im Juli 2020 und mitten in der Corona Pandemie gab Lufthansa bekannt, dass mit Ocean eine neue Ferienfluggesellschaft gegründet werden solle. Ocean werde zukünftig das ersetzen, was zuvor Eurowings unter anderem zusammen mit Sun Express Deutschland abgedeckt hatte. Ocean soll ab 2021 auf die touristische Kurz- und Langstrecke gehen. Schon damals kamen erste Sorgen auf. Werden Mitarbeiter, außerhalb des Einflusses von Gewerkschaften, bei Ocean noch günstiger beschäftigt, als dies schon bei Eurowings und co. der Fall ist?

Diese Sorge hat sich bei den Lufthansa-Mitarbeitern nun manifestiert. Während derzeit im Lufthansa Konzern deutlich mehr als 20.000 Stellen abgebaut werden sollen, schreibt der Konzern bei der Billigtochter Ocean hunderte Stellen neu aus. Für die Mitarbeiter der Lufthansa und der anderen deutschen Ferienfluggesellschaften ist die Sachlage klar: Lufthansa nutzt die kürzlich gewährten Staatshilfen zum Ausbau einer neuen billigeren Ferienfluggesellschaft..

Arbeitnehmer wollen Lufthansa Tourismus-Tochter Ocean verhindern | Tarifflucht auf Steuerkosten

Dies veranlasste nun die Personalvertretungen von Lufthansa Passage, Lufthansa Cargo, Lufthansa Aviation Training und Eurowings zusammen mit ihren Mitbewerbern Condor und TUIfly, sich mit einem offenen Brief an die Bundesregierung zu wenden. Wie airliners.de berichtet, sei der Brief an die Bundeskanzlerin, den Vizekanzler, den Chef des Bundeskanzleramtes, den Wirtschaftsminister, den Verkehrsminister und die Fraktionsvorsitzenden der Parteien im Bundestag gegangen. Die klare Aussage: „Die Tarifflucht auf Steuerkosten“ müsse notfalls mit politischer Intervention gestoppt werden.

Auch Daniel Flöhr, der Vorsitzende der Kabinengewerkschaft Ufo, äußert sich empört: „Im Windschatten der Krise versucht der Konzern sein langgehegtes Projekt „Ocean“ durchzuziehen, um in einem wiederholten Anlauf Arbeitsplätze ohne Einfluss von Gewerkschaften aufzubauen und sich erfolgreicher Konkurrenz in diesem Sektor zu entledigen“.

In dem Schreiben wird außerdem der Vorwurf geäußert, dass die aus der Neugründung hervorgehenden Kapazitäten auf Grund der derzeitigen Krise in der Luftfahrt keinen Sinn machen. Die Neugründung diene allein der Tarifflucht. Die Gewerkschaft Ver.di springt hier zur Seite und klagt, dass die angebotenen Konditionen noch unter Ryanair-Niveau lägen. Da die Anstellung ausschließlich in Teilzeit erfolgen würde, könnten Flugbegleiter nur mit einem Einkommen von etwas über 1.000 Euro netto rechnen. Laut Angaben von airliners.de lägen die Konditionen bei Ocean am unteren Rand der Lufthansa-Tarifgehälter. Für die bisher bei Sun Express Deutschland oder Brussels angestellten Crews, wären die Gehälter jedoch etwa vergleichbar.

Durch einen Bericht von aeroTelegraph.com wurde bekannt, dass das Einstiegsgehalt bei Ersten Offizieren bei 4.300 Euro läge. Kapitäne hingegen würden mit 7.400 Euro angestellt. Auch im Cockpit würde Lufthansa bei Ocean zunächst nur auf Teilzeitkräfte zählen.

Arbeitnehmer wollen Lufthansa Tourismus-Tochter Ocean verhindern | Frankfurtflyer Kommentar

Man musste nun kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass es so kommt. Der Lufthansa-Konzern nutzt die Staatshilfen, um sich gesund zu schrumpfen und zu restrukturieren. Ein profitables Unternehmen ist natürlich auch im Sinne der Bundesregierung, die ihr Geld ja schließlich irgendwann zurück haben möchte. Dass mit den Hilfen des Staats auch eine Arbeitsplatzgarantie einhergeht, war von vorneherein Utopie. Diese hätte als Auflage gemacht werden müssen.

Der offene Brief wird wohl auch recht schnell verpuffen. Aus dem Bundesverkehrsministerium hörte man schon, dass sich die Bundesregierung nicht in betriebliche Entscheidungen von Unternehmen einmische. So wurde es seiner Zeit auch im Anschluss an die Verhandlungen kommuniziert.

Quelle: airliners.de, aero.de, aerotelegraph.com

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7 Kommentare

  1. Kommt mir irgendwie bekannt vor!
    Gibt es da nicht in Irland eine Billig-Airline, mit dem gleichen Arbeitszeitmodell ?
    Schlicht und ergreifend widerlich und pietätlos …

    • Freilich von uns Fluggästen…
      Wir entscheiden, und die Bezahlung der Mitarbeiter dürfte nur in den allerseltensten Fällen ein Auswahlkriterium darstellen.
      Die Fluggesellschaften sind wohlfeile Prügelknaben bei der Vermittlung unserer Suche nach dem günstigsten Preis.

      • Da kann ich nur zustimmen. Ich für meinen Teil würde niemals FR fliegen. So etwas unterstütze ich nicht, niemals und bei keinem Anbieter…

      • Lufthansa ist da aber auch kein Stueck besser. Bucht man auf Lufthansa.com bekommt man am Ende auch nur einen Codeshare oder Wetlease ausgefuehrt von BilligWings, oder SunExpress.

    • Es ist bei vielen einfach noch nicht im Kopf angekommen:

      Deutschland ist seit Jahren schon Teil der EU, der Heimatmarkt ist sowohl bei Passagieren, Regulierung und Arbeitern nicht Deutschland sondern die Gesamt-EU.

      Dies bewirkt eben auch, dass jeder EU-Buerger fuer eine EU-Airline arbeiten kann die den gleichen Regeln unterliegt wie alle anderen EU-Airlines (national zulaessige Unterschiede in der Umsetzung der Regulierung sind marginal).

      Und fuer Arbeitskraefte aus anderen EU-Laendern ist eben ein anderer, eventuell niedrigerer Lohn fuer die gleiche Arbeit schon zufriedenstellend. Wenn man in Ungarn, Slowenien, Slowakei, Kroatien etc. herumfragt, dann sind die Leute dort froh ueber die Arbeitsplaetze die durch WizzAir, Ryanair etc. geschaffen werden.

      Kein Unternehmen kann bei einem Commodity-Produkt, wie es der Lufttransport von A nach B ist, mit deutlich hoeheren Loehnen als die Konkurrenz dauerhaft profitabel fliegen.

      Ganz klar aber: Die Mehrheit in Deutschland will es so! Egal ob stetige Erweiterung der EU oder ungeregelter Massen-Zuzug von Wirtschaftsmigranten, es wird immer dafuer gestimmt das Arbeitskraefte-Angebot immer weiter auszuweiten. Und dann beschwert man sich ueber den eigenen niedrigen Lohn und bucht selber so billig wie moeglich per Preisvergleich.

      Leider fehlt es vielen am Willen und an der Faehigkeit logische Erkenntnisse zu erlangen und dann auch konsequent zu handeln.

  2. Ja und, was wäre die Alternative? Fragt mal die Mitarbeiter der früheren Bekleidungsindustrie in Deutschland ( ja, die gab es mal) oder aktuell die Mitarbeiter der Autozulieferer, die aus grünpolitischen Gründen platt gemacht werden. Oder einfach mal den Gastwirt oder Friseur um die Ecke, die 3 Monate nicht verdienen durften!Die haben halt leider, weil nicht so groß, weder Verdi noch Cockpit um öffentlichkeitswirksam zu motzen. Die zeiten sind hart: nicht nur bei der Lufthansa!

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