Shanghai – einmal raus und wieder rein – Corona Ausbruch

Stefan hat eine Zusammenarbeit mit mehreren ehemaligen Air Berlin Piloten gestartet, die heute für andere Airlines fliegen, um Euch zu zeigen, wie die verschiedenen Länder mit der Krise umgehen. Hier nun der erste Beitrag, ein Erlebnisbericht eines Piloten der unseren Lesern aufzeigt, welche Maßnahmen in China die weitere Ausbreitung verhindert, und wie die Chinesen und alle anderen dort befindlichen Menschen damit umgehen.

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Die Vorgeschichte

Was in Deutschland erst in den letzten zwei bis drei Wochen richtig Fahrt aufgenommen hat, beschäftigt uns nun schon seit zwei Monaten! In China lebend, waren wir zwangsläufig mit unter den ersten, deren Leben sich nun nachhaltig ändern würde – mal wieder!

Ganz gleich ob Familie, Kollegen oder Freunde, unzählige Fragen trudelten in den letzten Wochen ein. Mit einem kurzen Rückblick möchte nun auch ich für ein „STAY HOME“ werben, da es offensichtlich funktioniert!

Der Januar ist für gewöhnlich in China ein Monat, wo ein ganzes Land sprichwörtlich aus dem Häuschen gerät. Da es für mehr als 800 Millionen Menschen bedeutet, dass sie zum größten Fest des Jahres, „Chinese New Year“, nach Hause fahren und für ein paar wenige Tage im Jahr ihre Familien, und oft auch (Klein)Kinder sehen.

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Der Ausbruch des Virus

Mitte Januar nun überschlugen sich von einem Tag auf den anderen die Ereignisse und es wurde von einem Virus berichtet – erst gerüchteweise in einer der unzähligen WeChat-Gruppen, dann auch offiziell. Auf meinen letzten Flügen trugen wir nun schon alle Masken, was damals auch für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich war. Ein erster Gedanke war es, wir müssen diesem Spuk entkommen, und haben schleunigst für die Schulferien vom 27. Januar an ein Ticket auf die Philippinen gebucht. Auf einmal ging alles ganz schnell. Von einem Krankenhaus für 10.000 Leute war die Rede, und eine ganze Region sollte abgeriegelt werden. Offiziell gab es zu diesem Zeitpunkt erst wenige Tausend Infizierte in ganz China – da war wohl was Größeres im Busch! Und da wir weder Hellseher, Ärzte oder Wissenschaftler sind, haben wir auf unser Bauchgefühl gehört und uns selbst eine Ausgangssperre auferlegt. Die letzten vier Tage bis zum Abflug auf die Philippinen verbrachten wir somit schon mal zu Hause. (Mein Sohn ist mir seitdem beim „Siedler von Catan“ überlegen!)

Am Abend (26.01) vor unserem Abflug wurde die ganze Situation schon etwas beängstigend. All unsere Freunde verließen Hals über Kopf China auf den unterschiedlichsten Wegen – die Meldung, „ab morgen sollen die Flughäfen schließen“, hatte ein wenig Panik ausgelöst. Ungewohnt überpünktlich haben wir uns am nächsten Nachmittag mit Sommersachen ausgestattet auf den Weg zum Flughafen Pudong gemacht. Ein Geisterflughafen erwartete uns und die erste wirklich beängstigende Szene. Irgendwer wurde mit Fieber „erwischt“ und somit wurde sofort ein großer Bereich vom Terminal abgesperrt, der Ton wurde rauer, wir zählten die Minuten bis zum Abflug!

In Cebu gelandet, erreichte uns dann auch die Nachricht, dass der Rückflug nach Shanghai 5 Tage später ersatzlos gestrichen wurde und die Schule hätte auch für die nächsten Wochen zu! Zwischenzeitlich bat dann auch schon die Firma, seine freien Tage vorzuverlegen usw. Wir sprechen hier immer noch von Ende Januar! Da zeitgleich der erste Todesfall auf den Philippinen zu beklagen war, buchten wir 3 Tickets über Hongkong nach Frankfurt. Auch hier wieder Bangen, nicht nur weil die Flugverbindungen merklich ausgedünnt wurden, sondern wurde auch in Hongkong „scharf“ Fieber gemessen – und die Wurzel des abgebrochenen Zahnes unseres Sohnes hatte sich furchtbar entzündet!

Wie auch immer, auf dem Flug nach Frankfurt (04. Februar) waren ALLE Passagiere vollständig maskiert, was bei der Ankunft zu beiderseitigen Erstaunen führte. Wir Passagiere wunderten uns, in welch heile Welt wir endlich gelangten, wo auch wirklich niemand auch nur die geringste Notiz von all den Vermummten nahm. Und wenn es dann doch jemand bemerkte, war es ja das chinesische Problem – weit weg, eben kein Problem. Zwei Puzzleteile in unserem Leben, die absolut nicht zusammen passen wollten.

Nach und nach wurden unsere Vorahnungen zuerst in Italien, dann in Spanien und jetzt auch in Deutschland bestätigt. Die Lage verschlechtert sich zusehend und die Meinungen dazu könnten nicht vielfältiger sein. Auf der einen Seite kollabieren Gesundheitssysteme, auf der Anderen wird beschwichtigt und abgewiegelt. Wie gesagt, ohne Hellseher, Arzt oder Wissenschaftler zu sein, muss ich mich hier auf meinen gesunden Menschenverstand verlassen. Und so lange ich nicht alle Risiken kenne, bringe ich meine Familie immer gern aus der Gefahrenzone! Und damit auch die älteren Familienmitglieder, da sie eben nicht angesteckt werden können.

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Wiedereinreise und Lage in Shanghai

Wie sah das nun mittlerweile in China aus? Den Verlautbarungen zu Folge stabilisierte sich die Situation langsam wieder, allerdings wurden die Einreisebestimmungen immer weiter verschärft. Wiedereinmal war guter Rat teuer. Da ja immer noch zwei Katzen, eine Wohnung und hoffentlich ein Platz im Cockpit in China warteten, habe ich mich Anfang der Woche auf den Weg gemacht. Aeroflot hatte meinen Flug gestrichen, also mit Thai zunächst nach Bangkok, 7 Stunden warten und dann 5 Stunden weiter nach Shanghai. Landung 00:50 Ortszeit. Schon während des Fluges begann das Fiebermessen und Formulare Ausfüllen. In den ersten 2 Stunden nach der Landung passierte nicht viel – ausser Fiebermessen. Dann wurden nach und nach die ersten Passagiere aufgerufen, vermessen und in Gruppen step by step zur Immigration gebracht. Bis zum Ausgang waren 6 Kontrollpunkte zu passieren – Fieber messen, Formulare ausfüllen, Fragen beantworten. Zwischenzeitlich wurden den Reisenden je nach Herkunft unterschiedlich farbliche Punkte auf den Pass und verschiedene Formulare geklebt. Irgendwie lief alles ziemlich gut und als ich meinen Koffer hatte – der drehte nun mittlerweile schon mehr als 3 Stunden seine Runden auf dem Band – dachte ich: geil, Du kannst nach Hause.

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Umbau und Untersuchung in der Airport-Empfangshalle

Falsch! Am Ausgang ein ganz anderes Bild als gewohnt. Die Empfangshalle glich einem Amazon-Lager. Pfeile am Boden, Kontrollstellen alle 50 Meter und überall abgetrennte Bereiche. Der Grüne Punkt auf meinem Pass führte mich zu dem Gelben Pfeil am Boden und weiter zur Quarantäne-Gruppe Pudong. Wahnsinn, was passiert nun? Kleine Grüppchen wurden gesammelt. Es hieß, wir würden in eine Aufnahmestation kommen, wo wir getestet würden. Okay, dann mal los! Wieder die notwendigen Papier- und WeChat Formulare ausfüllen und Fiebermessen! Irgendwann bewegte sich unsere 6er Gruppe flankiert von vier Medical-Mitarbeitern unter Vollschutz im Schneckentempo von einem Checkpoint zum nächsten bis wir schließlich im Bus saßen – und auch unsere Pässe wieder bekamen.

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Quarantäne-Hotel

Am Quarantäne-Hotel angekommen hatte man das Gefühl, die einzigen Überlebenden nach einer Kernschmelze zu sein. Nachdem wir ordentlich mit Chlor abgeduscht wurden begann das übliche Programm.  Fiebermessen, Formulare Ausfüllen und wieder Warten. Vieles geht in China für unsere Verhältnisse ja deutlich langsamer. Niemals wird mit Schritt 2 begonnen, so lange Schritt 1 nicht zu 100% abgeschlossen und bestätigt ist. Das hat jetzt eine neue Dimension erreicht! Anyway, um 6 Uhr morgens war ich auf meinem Zimmer, schnell noch mal Fieber messen und dann schlafen.

Nach langem hin und her wurde unsere Gruppe doch noch am nächsten Tag getestet. Die Testmannschaft unter Vollschutz entnahm gegen 17 Uhr die Probe, was gleichzeitig bedeutete, dass es eine weitere Nacht in dem Quarantäne-Hotel werden würde. Gegen Mittag des Folgetags dann die Entwarnung – die gesamte Gruppe wurde negativ getestet. (Es mussten alle negativ getestet werden. Bei einem Ausreißer hätte es die ganze Gruppe betroffen!) Also durften wir das Hotel verlassen – nur eben nicht allein und selbständig. Das „local neighbourhood committee“ wäre für den Transport zuständig. Da ich bis zu diesem Moment noch nichtmal von deren Existenz wusste, hatte ich folglich natürlich auch keine Telefonnummer von denen. Das klärte sich dann mit Hilfe vieler netter Chinesen und ich konnte auf den Transport warten – nicht ohne die üblichen Prozeduren: Fiebermessen, Formulare Ausfüllen und Warten!

Wieder unter Vollschutzbegleitung hieß es nun die zehn Etagen des Hotels über die Nottreppe zu verlassen – der Fahrstuhl ging für „Patienten“ nur nach oben – oder was auch immer… Unten angekommen die Zuteilung in den Bus. Das war dann recht zügig nach etwas 30 Minuten erledigt, so dass sich der Bus unter Polizeischutz in Richtung Zentrum in Bewegung setzte. Vor dem Compound dann wieder das Übliche plus die Verlesung der Regularien durch einen Polizisten. Es war wie beim Notar. 4 Seiten Text wurden vorgelesen und übersetzt. Die Rechte und Pflichten für die nächsten 14 Tage. 14 Tage Haus-Quarantäne, zweimal täglich ein Foto vom Fieberthermometer zu einem der unzähligen neuen WeChat Kontakte schicken und die Nase nicht vor die Tür. Bei Zuwiderhandlung gilt das Strafmaß des entsprechenden Bezirks, welches im Dokument nicht näher benannt wurde! Drei weitere WeChat Formulare, dann wurde ich endlich von zwei Polizisten zum Fahrstuhl meiner Wohnung eskortiert und durfte nach einer letzten Belehrung unseren Kater Samu auf der Couch-Ecke wiederfinden, wo ich ihn vor mehr als sieben Wochen zum letzten mal gesehen hatte (er bekam zwischenzeitlich Futter und war am Leben)!

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Stay at home

Wenn man auch nicht jedes Verfahren verstehen mag oder verstehen kann, nach einiger Zeit in China hat man sich an vieles gewöhnt. Und auch wenn all das extrem anstrengend und zuweilen auch ein bisschen beängstigend ist, gibt es auch ein Stück Sicherheit. Man versucht hier mit allen Mitteln die Spreu vom Korn zu trennen und die Corona-Verbreitung einzudämmen. Nochmal, obwohl negativ getestet, muss man derzeit in 14 Tage Home-Quarantäne. Wer würde das in Europa freiwillig über sich ergehen lassen? Auch hier ist Frühling, die Straßen füllen sich wieder und unten im Park spielen die Kinder Fußball – wie immer. Nur ich sitze negativ getestet in der Wohnung meine 14 Tage ab und messe Fieber.

Es scheint zu funktionieren, dass Leben beginnt wieder und wir haben weiterhin die Hoffnung, dass wir auch die Arbeit hier behalten werden. Wie auch immer die Verträge demnächst aussehen werden – mit Sicherheit besser, als gar keinen Vertrag mehr zu haben. Wie der Virus entstanden ist, von wem verbreitet oder wie Gefährlich er denn nun wirklich ist, weiss ich nicht. Und bei den unzähligen verschiedenen Meinungen, jede mit plausiblen Argumenten gespickt, wird mir fast schwindelig. Bis ich jedoch keine Antwort auf die vielen Fragen habe, mache ich den Spuk mit und lebe ab in zwei Wochen wieder draußen!

Viele Grüße aus Shanghai, ein Bericht von Tino Janke

Shanghai – einmal raus und wieder rein | Frankfurtflyer Kommentar

Tino Janke ist Pilot, und entwickelt zusätzlich Apps als Hilfestellung für Piloten (https://www.easymemoryitem.com/), ich werde auch weiterhin mit ihm zusammenarbeiten und Vorort-Berichte mit ihm zusammen abstimmen und für unsere Leser veröffentlichen. LG Stefan

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