Ask the Flight Attendant ✈ Was wir über unsere Passagiere wissen

Foto: Qantas

Ich reise gerne, oft und viel, nutze jede Gelegenheit dafür und manchmal geht es mehr um den Weg, als das Ziel: Fliegen! Ich liebe es zu fliegen und das verbindet uns alle hier. Und wenn ich nicht gerade Urlaub mache, fliege ich auch. Denn diese Leidenschaft ist mein Beruf und ich kenne dadurch auch den Blick von der anderen Seite. Diese Sicht möchte ich an dieser Stelle gerne mit Euch teilen. Heutiges Thema: Die Passagierliste

Den Sinn einer Passagierliste verbinden wohl viele mit einem Absturz oder Unglück. Die Informationen sind aber sehr vielschichtig und für viele Bereiche der Fliegerei wichtig. Ticketing, Check-In, Gate, Cockpit, Kabine, Lost & Found- alle arbeiten damit und müssen darauf zugreifen können. Und die Informationen darauf werden permanent ergänzt und verändert.

Wir Flugbegleiter haben diese früher etwa ein bis zwei Stunden vor Abflug ausgedruckt, da war sie dann auch schon veraltet. Gerade in dieser heißen Phase kurz vor dem Start passieren dauernd Änderungen. Jemand kommt nicht rechtzeitig, wird umgebucht oder verpasst den Anschluß. Kurz vor schließen der Flugzeugtür kommt nach dem letzten Gast die finale Version. Genau dann heißt es: „Boarding completed“.

Inzwischen haben die meisten Airlines ihre Purser oder auch alle Flugbegleiter mit Tablets ausgestattet, mit einem Klick ist die Liste upgedatet und wieder auf dem aktuellsten Stand. Hat sich noch jemand umgesetzt? Dauert der Termin doch länger und der Geschäftsmann kommt gar nicht? Oder hält sich die noch fehlende Familie noch im Duty free auf?

Die Passagierliste | Was steht drauf?

Auf den ersten Blick beschränken sich die Informationen über unsere Gäste auf den Namen und vielleicht noch die Sitzplatznummer. Dazu kommt noch ein Sammelsurium an Kürzel und Codes. In unserer Branche sind Abkürzungen aber gebräuchlich, alltäglich und allgegenwärtig. Manchmal habe ich den Eindruck man sucht für alles (krampfhaft) eine Abkürzung.

Foto: Singapore Airlines

Die Basics sind aber auf einen internationalen Standard abgekürzt. Neben den Drei-Letter-Codes oder den Flugzeugtyp gibt es auch für Passagiere bei den unterschiedlichsten Airlines solche Kürzel. Die meisten von Euch kennen diese wahrscheinlich bereits, oder können sie richtig deuten. Wenn Nicole also in den Flieger steigt und bei mir folgende informationen auftauchen, ist es deutlich mehr als Name und Sitz.

BN29 3A FRANKURTFLYER/NICOLE MRS JFK EK*G C VLML PETC

Nicole hat heute die Boardingnummer 29, eine nicht wirklich relevante Info. Es bedeutet nur, dass sie als 29.er Passagier eingecheckt hat. Wenn in einem Flugzeug mit 300 Sitzplätzen bei Nicole aber eine 283 steht und sie beim Boarding einen Aufstand macht weil sie nicht neben ihrem Mann sitzen kann, ist es hilfreich die Situation zu verstehen. Sie hat nämlich als eine der letzten eingecheckt.

Natürlich sind wir, wenn es die Zeit noch erlaubt, bei der Lösung des Problems behilflich und versuchen Gäste umzusetzen. Die Reise nach Jerusalem an Bord kann dann losgehen. Der Hinweis – gerade bei Familien – online einzuchecken oder noch früher am Flughafen zu sein ist in dem Fall aber berechtigt.

Nicole ist eine Frau. Für uns in dem Fall logisch, bei einem typisch indischen Vornamen sieht die Sache anders aus. Da wüsste ich anhand der Liste manchmal aber nicht ob Mann, Frau, oder auch Kind, Baby… Daher kommen die Zusätze MR, MRS, CHLD oder INFT praktischerweise immer mit. Ausnahmen bestätigen die Regel und auf so manchen Passagierlisten steht einfach nur M, F, C, oder I drauf. Apropos- die Liste selbst hat natürlich auch eine Abkürzung und kommt an manchen Flughäfen tatsächlich noch aus dem Nadeldrucker mit vier Durchschlägen an Bord.

Da sind die Tablet-Computer viel praktischer, aktueller und übersichtlicher. Man kann suchen, filtern oder wenn ein Paar wieder zusammen sitzt die Plätze darauf tauschen um den Sitzplan aktuell zu halten. Oder das Ankunftsgate und Anschlussflüge nach der Landung checken.

Sonderessen, Status, Betreuung…

Die Codes für Sonderessen wie VLML für vegetarische Kost sind ebenfalls weltweiter Standard. Es gibt an die 20 Varianten, die mit bestimmten Diäten oder Religionen konform gehen. Die Palette reicht vom Muslim Meal (MOML) zur Koscheren Kost (KSML) bis hin zu Low Fat (LFML), Low Calorie (LCML) oder Low Salt (LSML). Die Endung -ML bleibt dabei identisch, darüber steht der Überbegriff SPML. Manche Gesellschaften haben Eigenkreationen und nutzen diese Codes intern. Bei airBaltic kann man beispielsweise einige Gerichte gegen Gebühr vorbestellen. Der Teriyaki-Lachs mit Reis, Gemüse und Weißwein heißt dort TRML.

Auch Vielfliegerdaten werden uns samt Status übermittelt. So können wir die treuesten Kunden der eigenen Airline oder der Partner und Allianzen erkennen. Viele Flugbegleiter und Purser nutzen das um die Vielflieger persönlich anzusprechen oder eine bevorzugte Behandlung zu ermöglichen. Garantieren kann man das aber nicht. Auf Rennstrecken hat manchmal die halbe Maschine den höchsten Status oder es bleibt schlicht keine Zeit.

Flughäfen und Airlines bieten Betreuungsleistungen unterschiedlicher Art an. Passagiere mit Rollstuhlbedarf oder Sehbehinderung sind uns daher immer bekannt. Oft reisen hilfsbedürftige Passagiere nicht alleine, aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich erinnere mich an einen Fall, als nach dem Boarding der Kapitän eine Ansage machte, dass der Flug gestrichen werden muss und alle Passagiere wieder aussteigen sollen. Ein Gast mit Hörschaden reiste alleine in der Economy Class und war sehr verwundert darüber, dass plötzlich alle wieder aufstehen und gehen.

Foto: Alitalia

Eine weitere Leistung sind UMs. Unaccompanied Minors sind Kinder, die alleine fliegen. Sie werden ab Check-In in Empfang genommen und bis zum Flugzeug begleitet. Nach der Ankunft übergeben wir die Kinder dann der Station des Zielortes. Manche Länder schreiben sogar vor, dass diese Leistung bis zu einem gewissen Alter gebucht werden muss. Dann kommen auch mal Jugendliche mit dem Markenzeichen um den Hals an Bord. Die Tasche mit der Aufschrift „UM“ baumelt am Hals, darin befinden sich Bordkarte, Kontaktdaten und Dokumente. In der Regel sind es aber Kinder die sich schon etwas auskennen und selbstständig auftreten. Ich erinnere mich an einen zehnjährigen Jungen, der als UM schon einen hohen Vielfliegerstatus hatte und die Situation mit einem Schulterzucken und dem Wort „Scheidungskind“ erklärte.

Tiere reisen öfter mit uns im Flugzeug als man denkt. Vom kleinen Schoßhund bis zum Assistenzhund von der Größe eines Ponys war schon alles dabei. Manche Rassen oder Tiere sind von der Beförderung ausgeschlossen. In der Regel bleiben die Tiere während des Fluges in einer Box unterm Vordersitz. Anders ist es bei Flügen von und in die USA, dort können auch Tiere zur emotionalen Stütze für den Flug mitgenommen werden. In den Medien habe ich schon von einem Äffchen, Truthähnen und einem Mini-Pony gehört. Die Anzahl der sogenannten Emotional Support Animals (ESAN auf unserer Liste) ist in den letzten Jahren gestiegen, daher gibt es zB. bei Delta inzwischen strengere Regeln.

Im Fall von Nicole bedeutet PETC ein Pet in Cabin und bei den Details steht meist noch um welches Tier es sich handelt. Größe der Box und das Gewicht müssen im Vorfeld ebenfalls angegeben werden. Der Service ist gebührenpflichtig und je nach Flugzeugtyp auf 2-3 Tiere pro Maschine oder Klasse beschränkt. Auch im Frachtraum fliegen nicht selten Tiere mit, die als AVIH auf der Passagierliste stehen. Je nach Flugzeug kann man beispielsweise Hunde beim Start oder Turbulenzen bis in die Kabine oder den Schlafbereich der Crew bellen hören.

Foto: Swiss

Ask the Flight Attendant ✈ Frankfurtflyer Kommentar

Weder Hobbys, Alter, noch die Nationalität unserer Passagiere ist uns bekannt. Bei Kindern und Kleinkindern wissen wir zwar das Geburtstdatum, dies dient aber nur zur Information ob ein eigener Sitzplatzanspruch besteht oder nicht. Der Rest bezieht sich überwiegend auf die Buchung und beinhaltet Zielort, bestelltes Sonderessen oder bezahlte Reservierung wie Notausgang. Vorlieben bei Getränken oder den Grund der Reise finden wir manchmal im Smalltalk mit dem Gast heraus.

Die Daten sind sehr sensibel und ich frage mich manchmal wie lange diese uns in der Form noch zur Verfügung stehen. Nicht selten liegt eine Passagierliste oder ein Zettel mit den vorbestellten Essen in der Galley herum und zieht neugierige Blicke auf sich. Ich habe schon mehrfach meinen eigenen Namen auf einem Zettel an der Ofentür kleben oder am Getränketrolley liegen sehen als ich als Passagier privat gereist bin. Dem Sitznachbarn sind beim Service beinahe die Augen herausgefallen, weil er es wohl spannend fand wer da so alles an Bord ist…

In der Regel sind aber keine Buchungscodes, Ticketnummern oder gar Kreditkartendaten darauf zu finden mit denen man theoretisch eine Buchung bearbeiten könnte. Adressdaten darf die Airline gar nicht zu anderen Zwecken nutzen und wir müssen beispielsweise bei Anfragen für Customer Relations oder Beschwerden und Belobigungen diese erneut bei unseren Passagieren anfragen.

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6 Kommentare

  1. Klasse, wie immer.
    Man erfährt viel zu selten, wie es „auf der anderen Seite der Front“ aussieht. Sehr schade, weil das nicht nur Neugier befriedigt, sondern auch Verständnis für manche Situationen ermöglicht.
    Magst Du nicht ein Buch schreiben? Gibt ein paar Youtube-Videos, aber nirgendwo – im deutschen Sprachraum – einen richtig umfassenden Überblick.

    • Das ist der Vielfliegerstatus. Mag sein dass da auch SEN oder PLAT steht. Wenn der Kunde aber bei
      einem Partner einen Status hat, wird der innerhalb einer Allianz einheitlich dargestellt.

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